... newer stories
Samstag, 20. Juni 2015
Die Sache mit dem Vergeben
whiteowl, 21:02h
Die Sache mit dem Vergeben
„Als Christ muss man vergeben, man darf keinen Raum für Hass lassen.“
Wie oft habe ich das so oder so ähnlich gehört.
In Charleston wurden mehrere Mitglieder einer Methodistenkirche getötet, einige Tage später sagen Angehörige der Opfer: „Wir müssen dem Täter vergeben“
Wie kann ich jemanden so schnell vergeben, der die Menschen tötete, die ich liebte?
Das kann doch nicht echt sein?
Was bringt es, jemanden „zu vergeben“ um des Vergebens willen? Weil ich vergeben MUSS?
Wir dürfen den Hass nicht zulassen, ist die Antwort.
Aber ist es nicht eine ganz normale Reaktion, dass ich geschockt, wütend, sauer bin, und im ersten Moment auch die Person hasse?
Ich erinnere, als vor einigen Jahren, ein 19-Jähriger der Gemeinde nach Tansania „ausgesendet“ wurde, als Entwicklungshelfer über eine christliche Organisation.
Er berichtete über einen Blog über seine Erlebnisse dort und die waren alle positiv, bis er eines Tages auf einem Markt dort überfallen und ausgeraubt wurde.
Er schrieb über Facebook, dass er geschockt und enttäuscht von der Kultur ist.
Ein Mädchen aus Deutschland schrieb, „Du musst ihm vergeben, bei mir hat sich heute im McDonalds auch jemand vorbeigedrängelt, ich musste ihm auch vergeben…“
Ich konnte nur den Kopf schütteln über ihren Kommentar, sie verglich beide Situationen ernsthaft miteinander.
Wenn sich jemand einmal vordrängelt, interessiert mich das auch nicht weiter, ich habe auch gar keine Lust und keinen Nerv mich über solchen Kinderkram aufzuregen.
Aber man kann das nicht ernsthaft damit vergleichen, mit dem was er erlebte, natürlich ist er enttäuscht und geschockt. Es ging ja auch um seine Sicherheit, er wurde glaube ich, sogar mit einem Messer bedroht.
Dieses Zwang zu vergeben, ich habe mehrmals bei mir gemerkt, dass es nicht funktioniert.
Manches kam immer wieder hoch. Ich fühlte immer noch Ärger und Wut. Es wurde auch einfach nicht anerkannt, dass das so schlimm für mich war.
Vielleicht ist der Unterschied jetzt auch, dass es anerkannt wurde von Psychologen.
Manchmal frage ich mich echt, wie das alles funktioniert, diese Christen arbeiten ja häufig in sozialen Berufen oder engagieren sich sozial, aber nur wenige sind wirklich sozial kompetent. Es ist eine Pseudosozialkompetenz, die an den Tag gelegt wird. Sich aufopfern für andere hat nichts mit „sozialer Kompetenz“ zu tun, und ständige Belehrung und Zurechtweisung erst recht nicht.
Und wenn ich vergebe, weil ich vergeben muss, verlerne ich Gefühle wahrzunehmen, und ich werde „gefühlskalt“, ich handele gegen meine Natur, gegen mein Gefühl.
Ich bin kein nachtragender Mensch, aber ich sollte mir zugestehen, meine Gefühle wahrnehmen zu dürfen, auch wenn es Wut / Frust / Ärger / Hass ist, vergeben kann ich, wenn ich dazu bereit bin.
Eher bringt das Ganze auch gar nichts, außer Selbsthass und Selbstzweifel, ich zweifelte, weil es bei mir nicht funktionierte. Also glaubte ich, es ist mein Fehler, meine Schuld.
So entstanden über Jahre viele Ängste und Schuldgefühle.
Über die Psychologie wird von manchen Christen gesagt, sie sei eine Pseudoreligion. Mittlerweile glaube ich, es ist umgekehrt, manche Religion ist „Pseudopsychologie“, ein verzerrtes Bild.
175
„Als Christ muss man vergeben, man darf keinen Raum für Hass lassen.“
Wie oft habe ich das so oder so ähnlich gehört.
In Charleston wurden mehrere Mitglieder einer Methodistenkirche getötet, einige Tage später sagen Angehörige der Opfer: „Wir müssen dem Täter vergeben“
Wie kann ich jemanden so schnell vergeben, der die Menschen tötete, die ich liebte?
Das kann doch nicht echt sein?
Was bringt es, jemanden „zu vergeben“ um des Vergebens willen? Weil ich vergeben MUSS?
Wir dürfen den Hass nicht zulassen, ist die Antwort.
Aber ist es nicht eine ganz normale Reaktion, dass ich geschockt, wütend, sauer bin, und im ersten Moment auch die Person hasse?
Ich erinnere, als vor einigen Jahren, ein 19-Jähriger der Gemeinde nach Tansania „ausgesendet“ wurde, als Entwicklungshelfer über eine christliche Organisation.
Er berichtete über einen Blog über seine Erlebnisse dort und die waren alle positiv, bis er eines Tages auf einem Markt dort überfallen und ausgeraubt wurde.
Er schrieb über Facebook, dass er geschockt und enttäuscht von der Kultur ist.
Ein Mädchen aus Deutschland schrieb, „Du musst ihm vergeben, bei mir hat sich heute im McDonalds auch jemand vorbeigedrängelt, ich musste ihm auch vergeben…“
Ich konnte nur den Kopf schütteln über ihren Kommentar, sie verglich beide Situationen ernsthaft miteinander.
Wenn sich jemand einmal vordrängelt, interessiert mich das auch nicht weiter, ich habe auch gar keine Lust und keinen Nerv mich über solchen Kinderkram aufzuregen.
Aber man kann das nicht ernsthaft damit vergleichen, mit dem was er erlebte, natürlich ist er enttäuscht und geschockt. Es ging ja auch um seine Sicherheit, er wurde glaube ich, sogar mit einem Messer bedroht.
Dieses Zwang zu vergeben, ich habe mehrmals bei mir gemerkt, dass es nicht funktioniert.
Manches kam immer wieder hoch. Ich fühlte immer noch Ärger und Wut. Es wurde auch einfach nicht anerkannt, dass das so schlimm für mich war.
Vielleicht ist der Unterschied jetzt auch, dass es anerkannt wurde von Psychologen.
Manchmal frage ich mich echt, wie das alles funktioniert, diese Christen arbeiten ja häufig in sozialen Berufen oder engagieren sich sozial, aber nur wenige sind wirklich sozial kompetent. Es ist eine Pseudosozialkompetenz, die an den Tag gelegt wird. Sich aufopfern für andere hat nichts mit „sozialer Kompetenz“ zu tun, und ständige Belehrung und Zurechtweisung erst recht nicht.
Und wenn ich vergebe, weil ich vergeben muss, verlerne ich Gefühle wahrzunehmen, und ich werde „gefühlskalt“, ich handele gegen meine Natur, gegen mein Gefühl.
Ich bin kein nachtragender Mensch, aber ich sollte mir zugestehen, meine Gefühle wahrnehmen zu dürfen, auch wenn es Wut / Frust / Ärger / Hass ist, vergeben kann ich, wenn ich dazu bereit bin.
Eher bringt das Ganze auch gar nichts, außer Selbsthass und Selbstzweifel, ich zweifelte, weil es bei mir nicht funktionierte. Also glaubte ich, es ist mein Fehler, meine Schuld.
So entstanden über Jahre viele Ängste und Schuldgefühle.
Über die Psychologie wird von manchen Christen gesagt, sie sei eine Pseudoreligion. Mittlerweile glaube ich, es ist umgekehrt, manche Religion ist „Pseudopsychologie“, ein verzerrtes Bild.
... link (0 Kommentare) ... comment
... older stories